"Das Schlimmste wäre, wenn es zehn Zentimeter schneit"

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Die Chefs der Pisten: Florian Eckert (oben, l.) und Stefan Stankalla, die Rennleiter bei den Weltmeisterschaften 2011, am Fuße „ihrer“ Kandahar. Eckert arbeitet hauptberuflich als Software-Entwickler in einer Münchner Firma, ist jetzt aber sechs Wochen am Stück im WM-Einsatz.

Garmisch-Partenkirchen - Vor zehn Jahren gewann Florian Eckert bei den Ski-WM in St. Anton Bronze. Auch bei der Ski-WM 2011 ist er am Start - diesmal aber nicht als Aktiver.

Florian Eckert (31) ist Rennleiter auf der Herren-Abfahrtspiste. Sein früherer Teamkollege Stefan Stankalla (35) fungiert in gleicher Rolle bei den Damen.

Wenn Sie zurückdenken an diese WM 2001, welche Erinnerungen sind geblieben?

Eckert: An diesen Tag habe ich relativ wenig Erinnerung. Da wird man den ganzen Tag herumgereicht. Das sind so viele Eindrücke, dass man es selber gar nicht mehr mitbekommt. An die WM denke ich natürlich brutal gerne zurück. Davor sind wir richtig gut gefahren, der Max (Rauffer/d.Red.), Steff (Stankalla) und ich, und auch bei der WM ist es super gelaufen, außer beim Steff, der hat sich wehgetan, das war natürlich ein Scheiß. Aber es war eine supergeile Zeit. Der dritte Platz hat natürlich alles aus dem Normalmaß herausgeschoben.

Herr Stankalla, was war genau passiert?

Stankalla: Im Abschlusstraining habe ich mich verletzt, bei einem Sturz nach dem „Eisfall“ ist das Syndesmoseband gerissen. Ich habe am nächsten Tag noch versucht, in den Skischuh zu kommen, es hat nicht geklappt. Dann bin ich auf dem Zimmer liegengeblieben und habe von dort aus diesen Wahnsinnserfolg vom Flo gesehen. Bevor ich heimgefahren bin, hab’ ich ihm noch eine Gratulations-Karte an die Zimmertür geklebt. Viel fällt einem da nicht ein, außer was er für einen Wahnsinn abgeliefert hat.

Sie, Herr Eckert, hatten mit Startnummer 25 noch den Schweizer Silvano Beltrametti vom Podest gefahren, der Vierter wurde.

Eckert: Es war sehr warm und die Piste unruhig, weil vorher Neuschnee gefallen war. Alles Sachen, die gegen mich sprachen. Ich weiß auch nicht wieso, aber ich hab’ trotzdem eine sehr gute Fahrt zusammengebracht. Auf den 20 Sekunden vorm Ziel muss ich noch verloren haben, an der letzten Zwischenzeit habe ich noch geführt. Aber das war mir in dem Moment - und ist es nach wie vor - egal. Da ist mir am Schluss die Kraft ausgegangen, weil ich einfach über meine Verhältnisse gefahren bin.

Das Rennen schien entschieden, im Ziel wurden ja schon Siegerinterviews geführt.

Eckert: Kann ich mir gut vorstellen. Mein bestes Abfahrts-Resultat vorher war ein 18. Platz. Es kam also schon sehr unerwartet - und im nachhinein auch etwas tragisch, wenn man das Schicksal von Silvano anschaut. Tragisch - denn ich hatte ja nachher noch die Chance, eine Medaille zu gewinnen, er nicht mehr. (Silvano Beltrametti stürzte am 8. Dezember 2001 bei der Weltcupabfahrt in Val d’Isere und ist seither querschnittsgelähmt/d.Red.).

Die WM-Abfahrt 2001 war am 7. Februar, Ihrem 22. Geburtstag. Da fielen die Feiern zusammen . . .

Eckert: Wenn so was Außergewöhnliches passiert, darf man auch beim Apres Ski mal Gas geben.

Stankalla: Ich erinnere mich an die Frage eines Journalisten - das hab’ ich im Fernsehen noch gesehen. Einer fragte: „Herr Eckert, wann haben Sie eigentlich Geburtstag?“. Du hast gesagt: „Heute“. Aber er hat das so aufgefasst, als wäre es einfach ein Super-Tag für Dich, weil Du die Medaille geholt hast. Er nochmal: „Nein, nein, wann der Geburtstag eigentlich ist?“ „Ja, heute, 7. Februar.“

Eckert: Da war ich halt schon ein bisserl durch den Wind, hab’ lange nichts zum Essen gehabt

Weil am 7. Februar, Ihrem Geburtstag, offenbar immer besondere Ereignisse stattfinden, wird an Ihrem 32. Geburtstag die Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen eröffnet.

Eckert: Ist ja wirklich sehr aufmerksam.

Mit 32 Jahren sind Sie im besten Abfahrtsalter. Wären Sie jetzt lieber noch als Athlet hier am Start?

Eckert: Ich bin damals sehr gerne Ski gefahren, kann mir jetzt aber nicht vorstellen, dass ich es nochmal machen würde. Man ist so viel unterwegs, es gibt so viel tote Zeit: beim Reisen, in Hotels, beim Warten auf irgendwas.

Zeit, die man sinnvoller nutzen könnte?

Eckert: Im letzten Jahr war ich mit der deutschen Mannschaft in Bormio - ich hatte ja völlig vergessen, wieviel Zeit man da nur rumsitzt. Soviel Zeit, nur um zwei Minuten den Berg runterzufahren! Da ist mein Tag jetzt sehr viel ausgefüllter. Hier in der Organisation mitzuarbeiten, mach’ ich sehr gerne, aber ich könnte mir nicht vorstellen, mich da den Berg runterzuhauen.

Stankalla: Der Flo hat ja verletzungsbedingt aufgehört, bei mir war der Grund hauptsächlich der mangelnde Erfolg. Mit 28 habe ich kaum mehr die Chance gesehen, unter die Top 10 zu fahren. Mein Entschluss hieß: Irgendwann muss ich was Vernünftiges machen, beruflich was „G’scheites“ lernen.

Gab es einen Moment, in dem Sie es bereuten?

Stankalla: Ich habe nie eine Träne vergossen oder mit Wehmut zurückgeblickt. Vor zwei Jahren war ich mal Vorläufer beim Super-G der deutschen Meisterschaften, danach wusste ich, warum ich aufgehört hab’. Nach zwei Fahrten hab’ ich dermaßen Kreuzweh gehabt und am nächsten Tag einen wahnsinnigen Muskelkater.

Am Dienstag steht mit dem Super-G der Frauen das erste Rennen an. In welchem Zustand sind die Pisten?

Stankalla: Ich habe mir vorgestern mal die Ski präpariert, weil ich dachte: Macht doch wieder Sinn, scharfe Kanten zu haben . . . Die Strecken schauen super aus. Seit Donnerstag ist alles fertig. Es könnte sofort losgehen. Wir haben einen 30 Zentimeter dicken und harten Grundstock, das gibt uns für die nächsten zwei Wochen Planungssicherheit.

Jetzt kann auch bei Wärme nichts passieren?

Stankalla: Nicht viel, so lange es nachts friert und nicht regnet. Wir können ja alles erleben bei der WM, es kann auch einen halben Meter Neuschnee geben. Durch die Grundpräparation könnte man auch mit Pistenraupen reinfahren, ohne den Untergrund zu beschädigen. Das ist wichtig, wenn es über Nacht mal 30 Zentimeter schneit.

Gibt es einen Unterschied bei der Präparierung zwischen Männer- und Frauenstrecke?

Eckert: Die Piste der Herren muss härter sein, weil sie mit mehr Kraft, mehr Gewicht, mehr Dynamik fahren. Eine Strecke, auf der es für die Damen gerade noch ein anständiges Rennen gibt, wäre für die Herren zu weich.

Stankalla: Jeder ist für seine Strecke verantwortlich, aber wir arbeiten auch eng zusammen. Der Flo hat in dieser Woche zum Beispiel den ganzen Materialtransport auf den Berg organisiert. Es gibt auch Streckenabschnitte, die wir gemeinsam mit Personal besetzt haben, zum Beispiel am Tröglhang. Das ist der Starthang der Damen und auch ein Abschnitt auf der Herrenstrecke. Da müssen die Arbeiten ineinander zahnen.

Was ist für Sie die jeweils entscheidende Stelle „Ihrer“ WM-Abfahrt?

Eckert: Ausfahrt „Tröglhang“ mit der „Olympiakurve“. Was man da an Tempo mitnimmt, wird entscheidend sein. Du wirst das Rennen nicht am „Freien Fall“ gewinnen.

Stankalla: Bei den Frauen wird der Starthang interessant. Da gibt’s die ganz Coolen, die gleich ordentlich Gas geben. Aber eigentlich sind es schon die Abschnitte „Waldeck“ und „Ramwiesen“. Diese Kurven fordern den Mut der Läuferinnen, eine enge Linie zu fahren.

Wieviele Mitarbeiter sind denn mit den Abfahrtsstrecken beschäftigt?

Eckert: Zwischen 500 und 600. Aber es sind nicht alle jeden Tag am Berg. Am Renntag werden etwa 250 Leute für eine Strecke im Einsatz sein.

Stankalla: Wenn man es überschlägt, hat man 30 bis 35 Torrichter, 10 Abschnitte pro Strecke, die jeweils mit sechs bis acht Personen ausgestattet sind, dann hat jeder zwischen 60 und 80 Rutscher. Außerdem gibt’s noch Leute mit der gelben Flagge bei Unterbrechung, Farbspritzer für die blauen Linien. So summiert sich das fast auf 250.

Eckert: Einige stehen noch für den Notfall bereit, falls das Wetter entsprechend ist. Bei Neuschnee zum rausrutschen und schaufeln . . .

Stankalla: Das Schlimmste wäre, wenn es zehn Zentimeter schneit. Das ist zu wenig, um mit den Raupen reinzufahren. Da muss dann alles von Hand raus.

Böse Stürze wie jener von Hans Grugger haben die Sicherheitsdiskussionen neu entfacht. Ist deshalb die Präparierung bei der WM besonders heikel?

Eckert: Was man an passiver Sicherheit aufbauen kann, das haben wir nach bestem Wissen und Gewissen und nach neuestem Stand der Technik gemacht. Zum Abschluss gibt es eine Juryinspektion, bei der die Strecke ganz genau angeschaut wird. Wir machen das maximal Mögliche.

. . . und hoffen, dass nichts passiert.

Eckert: Es ist einfach Illusion, das du mit 100 km/h einen Berg runterfährst, einen Fehler machst und dir dabei nicht weh tun kannst. Das wirst du nie hinbekommen.

Stankalla: Zum Beispiel beim neuen Sprung der Damen am „Tröglhang“. Der ist so präpariert, dass wir noch alle Möglichkeiten haben. Man könnte ihn noch aufbauen, ihn aber auch abflachen. Man wird definitiv kein Spektakel veranstalten, nur um Super-Bilder zu sehen. Da gehen wir lieber auf Nummer sicher. Vor allem bei den Damen.

Was sehen Sie als ehemalige Rennläufer als Ursache für die Sturzserie?

Stankalla: Ich glaube, wenn man nach der Saison einen Strich drunter zieht, dann sind es genau so viele Stürze wie in jedem Winter.

Eckert: Sagen Sie mir einen vergleichbaren Sport, bei dem Sie diese Geschwindigkeit und Dynamik haben - in der freien Natur, ohne Karosserie drumherum.

Stankalla: Als Skifahrer ist das ganz normales Berufsrisiko. Es befassen sich sehr viele intelligente Leute mit diesem Thema, nicht nur aus dem Skisport. Es gibt ganz gute Ansätze. Trotzdem wird es immer ein Freiluftsport bleiben - ohne eine schützende Kugel um den Läufer herum.

Eckert: In der öffentlichen Diskussion wird oft geredet, es muss langsamer werden, aber es fehlt der nächste Schritt: Wie macht man es langsamer?

Wie sind die Höchstgeschwindigkeiten auf der Kandahar?

Eckert: Die wird nicht gemessen. Unsere Geschwindigkeitsmessung steht wahrscheinlich nicht mal an der schnellsten Stelle.

Sehen Sie Ansätze, den Skisport sicherer zu machen?

Eckert: Wahrscheinlich ist das mit den Airbags, was jetzt diskutiert wird, keine schlechte Lösung. Aber nochmal: Die Jungs gehen ans Limit, dann passieren Fehler.

Stankalla: Oft sind die Läufer körperlich am Limit, also an der Grenze, was der menschliche Körper aushalten kann. Macht man mehr Kurven rein, damit die Abfahrt langsamer wird, dann wird Material entwickelt, um die Kurven schneller zu fahren.

Eckert: Schwieriger ist es, wenn Verhältnisse herrschen, bei denen sich die Frage stellt: Fahren wir oder nicht? Da sind der Steff und ich sicher bei der WM auch gefordert. Die endgültige Entscheidung trifft dann der „Chief of race“.

Zum Abschluss ein Tipp: Wer ist Ihr Favorit auf „Ihrer“ Abfahrt?

Eckert: Aksel Lund Svindal. Jeder würde Didier Cuche sagen, aber Svindal macht das mit der norwegischen Lockerheit bei Großereignissen.

Stankalla: Bei den Frauen gibt es drei, vier heiße Eisen. Ich sage: Lindsey Vonn wird zeitgleich mit Maria Riesch Weltmeisterin . . .

Eckert: . . . und der Stefan wird nach der WM in den diplomatischen Dienst gehen.

Das Gespräch führten Jörg Köhle und Alexander Schwer

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