Snowboarderin kämpft um Comeback und Olympia

Mittermüller: „Die Sehne eines Toten rettete mich”

Silvia Mittermüller
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Silvia Mittermüller hat sich bereits dreimal das -Kreuzband gerissen, bei ihrem letzten Sturz vor sechs Wochen wurde der Meniskus des rechten Knies aus seiner Verankerung gerissen, das Kreuzband aber blieb dank der Schienbeinsehne eines Toten weitgehend heil.

München - Snowboarderin Silvia Mittermüller ist verletzungsgeplagt wie kaum eine andere Athletin. Jetzt aber half ihr die Schienbeinsehne eines Toten oder besser gesagt die operative Methode Allograft.

Zweimal rechts, einmal links – von 2007 bis 2009 riss sich die Snowboarderin Silvia Mittermüller dreimal das Kreuzband. Vor sechs Wochen stürzte die Münchnerin in Saas-Fee (Schweiz) und verletzte sich erneut am rechten Knie, es fühlte sich an wie der vierte Kreuzbandriss. „Ich bin in die OP und habe gehofft, dass das Kreuzband in Ordnung ist“, erzählt Mittermüller über jenen 16. Oktober. Als sie wieder aufwachte, gab es gute und schlechte Nachrichten. Der Meniskus war komplett aus seiner Verankerung losgelöst, das Kreuzband dafür nur angerissen. Statt einem halben Jahr Pause musste die 32-Jährige „nur“ sechs Wochen auf Krücken gehen. Mitte Dezember will sie wieder auf Schnee, um den Traum von den Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018 wahr zu machen.

Gerettet hat Mittermüller die Schienbeinsehne eines Toten oder besser gesagt die operative Methode Allograft. Während in Deutschland kaputte Kreuzbänder durch eigenes Körpergewebe, zum Beispiel einem Teil der Patellasehne oder dem Muskel Semitendinosus, ersetzt werden, setzt man in den USA gerne das Material eines Gehirntoten ein. „Mein Ersatz ist breiter, dicker und wesentlich robuster“, sagt Mittermüller, die trotz ihrer Verletzungen – vor Sotschi riss sie sich die Achillessehne – nie daran dachte, aufzugeben. Die Gesellschaft, sagt die quirlige Blondine, will einen zwingen, in Maßstäben zu denken, zu denen ein Comeback mit 33 Jahren nicht unbedingt dazugehört. „Aber das Snowboarden ist meine größte Leidenschaft, mein Weg. Ich würde es bereuen, wenn ich es nicht versuchen würde.“

In eineinhalb Jahren will sie in Pyeongchang starten, nicht weil Olympia das Größte für sie ist, sondern weil eine Teilnahme in ihrer Vita, die gespickt ist von X-Games, Weltmeisterschaften und Szene-Events, noch fehlt. Damit das klappt, muss sie bis zum 21. Januar 2018 in der bereinigten Olympic Quota Allocation List unter den besten 30 Athleten stehen. Ganz leicht ist das mit Blick auf die noch zur Verfügung stehende Zeit nicht. Doch wer mit Mittermüller spricht, bemerkt schnell das Feuer und den Willen für die Sache, gepaart mit einer Prise Sorglosigkeit und einer Pura-Vida-Mentalität, die typisch ist für Athleten der Freestyle-Szene.

Mitte Dezember will die 33-Jährige wieder auf Schnee trainieren.

Ihre Vorgängerin Nicola Thost gewann 1998 in Nagano Olympiagold in der Halfpipe, angekommen ist ihre Disziplin in Deutschland aber nie. „Der Grund, warum Snowboarden so stiefmütterlich behandelt wurde, ist, dass es der Verband unter den Teppich gekehrt hat“, so Mittermüller. Heute gibt es mit Slopestyletrainer Luka Gartner, Maxi Preissinger, Nadja Flemming und Mittermüller ein kleines Team, vor ein paar Jahren waren selbst diese bescheidenen Strukturen undenkbar. Für ihren Kaderstatus musste Mittermüller beim Verband lange kämpfen, doch die vergangene Saison, inklusive dem ersten Slopestyle-Weltcupsieg einer deutschen Snowboarderin, überzeugte die Verbandsoberen. „Ich wusste, wenn ich es nicht rausfahre, gibt es in Deutschland niemanden, der es schaffen kann. Ich habe das nicht nur für mich gemacht, sondern für meinen Sport.“

Heute fliegt Mittermüller nach Breckenridge in den Rocky Mountains. Im Schnee-Eldorado verbringt sie einen Großteil ihrer Zeit und arbeitet für ihr nächstes Ziel: „Ich will meinem Märchen das Krönchen aufsetzen.“ Das Kreuzband scheint ja jetzt unzerstörbar. 

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