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Olympia-Fackelträger von 2008: „Das IOC verbrüdert sich mit autoritären Regimen“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Kamaltürk Yalqun
War 2008 Fackelträger: Kamaltürk Yalqun © Privat

Bei der Eröffnungsfeier benutzte China die Uigurin Dinigeer Yilamujiang für die eigene Propaganda. Kamaltürk Yalqun war bei den Peking-Spielen 2008 einer der Fackelträger. Nun lebt er in Boston, sein Vater wurde verhaftet.

München/Boston – Chinas zynischer Akt, die Uigurin Dinigeer Yilamujiang* das olympische Feuer entzünden zu lassen, hat international zurecht für heftige Kritik gesorgt. Dass China Uiguren benutzt, um Menschenrechtsverletzungen zu verschleiern, ist aber nicht neu. Bei den Spielen 2008 war der damals 17-jährige Kamaltürk Yalqun einer der Fackelträger. Doch nach 2008 hat sich alles verschlechtert, erzählt Kamaltürk unserer Zeitung. Seit 2014 lebt der heute 31-Jährige in Amerika, 2016 wurde sein Vater in China verhaftet. Kamaltürk arbeitet als bioanalytischer Wissenschaftler in Boston und kämpft als politischer Aktivist für die Rechte der Uiguren.

Herr Kamaltürk, 2008 waren Sie einer der Fackelträger. Wie kam es dazu?

Ich habe am olympischen Jugendcamp teilgenommen, dort hatten wir kulturellen Austausch mit Jugendlichen aus der ganzen Welt. Ich wurde dann dazu ausgewählt, die Leute aus meiner Region zu präsentieren. Meine Familie und meine Freunde waren stolz auf mich, dass ich die Möglichkeit hatte, die olympische Fackel zu tragen. Alle haben eine große Sache daraus gemacht, ich war auch extrem stolz auf mich. Uiguren werden in China seit Jahrzehnten unterdrückt. Die Spiele 2008 haben wir als internationale Plattform gesehen, um der Welt zu zeigen, wie wir Uiguren leben. Um der Welt zu zeigen, dass Uiguren existieren.

Was hat sich nach den Spielen 2008 in China verändert?

Kamaltürk: Es geht um die Existenz der Uiguren

Wir wurden auch vor 2008 schon diskriminiert. Damals konnten wir mit der Situation aber noch umgehen, Wege finden, ein relativ normales Leben zu leben. Zudem konnten wir in China natürlich nur lesen, was China uns über die Staatspresse eintrichterte. Nach 2008 wurde die Unterdrückung immer schlimmer. Uiguren werden zu Hunderttausenden in Camps gesteckt und gefoltert. China hat die komplette Kontrolle über unsere Region übernommen. Es will unser Volk eliminieren. Es geht um die Existenz der Uiguren. Mein Stolz, dass ich die Fackel tragen durfte, ist komplett erloschen.

Was waren Ihre Gedanken während der Eröffnungsfeier, als Dinigeer Yilamujiang das olympische Feuer entzündet hat?

Ich habe im Vorfeld damit gerechnet, dass China tanzende und singende Uiguren mit fröhlichen Gesichtern zeigen wird. China versucht alles, um sich gegenüber der restlichen Welt von den eigenen Gräueltaten reinzuwaschen und diese zu verstecken. Ich hätte aber niemals gedacht, dass China so weit geht und einer Uigurin die große Ehre überlässt, das Feuer zu entzünden. Es war eine große Inszenierung, um die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verdecken. Aber natürlich wollten sie auch nicht, dass eine Uigurin das Feuer allein entzündet. Deshalb haben sie ihr einen chinesischen Sportler an die Seite gestellt, um diesen Moment nicht komplett aus den Händen zu geben. Die Uiguren werden als Eigentum für die chinesische Staatspropaganda missbraucht. Dinigeer war nur ein nützliches Werkzeug für die Regierung. Im Vorfeld wurde immer wieder gesagt, Olympia darf nicht politisch sein und es geht nur um den Sport, aber China hat Olympia seit der ersten Sekunde für politische Botschaften benutzt.

Politischer Aktivist attackiert das IOC für das Schweigen

Wie fühlt es sich für Sie an, dass Olympia nach China vergeben wurde?

Das IOC sollte sich schämen, so etwas zuzulassen. Der Verband betont immer, politisch neutral zu sein. Die Spiele in Länder zu vergeben, in denen Menschenrechte missachtet werden, und dann keine Stellung dazu zu beziehen, ist schrecklich. Das IOC hat seine Mission vergessen: Olympia sollte eine Bühne sein, um internationale Freundschaft zu feiern. Dieser Gedanke wird schon lange verleugnet. Das IOC verbrüdert sich mit autoritären Regimen und gibt diesen die Möglichkeit, die eigene Propaganda in die Welt zu strahlen. China will der Welt zeigen, wie stark sie sind. Es ist vergleichbar zu den Nazi-Spielen 1936 in Berlin. 2008 dachten wir, die Spiele können eine große Chance sein, dass China demokratischer wird und sich der Welt öffnet. Es war eine Hoffnung, die schnell zerstört wurde. Die Realität war genau das Gegenteil. China hätte die Spiele nie bekommen dürfen. China verübt Völkermord. Es gibt keine Entschuldigung für das IOC, dass sie das einfach so ignorieren. Es ist herzzerreißend, wie das IOC mit der Situation umgeht und immer nur schweigt.

Interview: Nico-Marius Schmitz *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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