Shorttrackerin kämpft sich nach einer Verletzung zurück

Anna Seidel: Ein letzter Kraftakt auf dem Eis

24.01.2020 GDANSK HALA OLIVIA ( POLAND ) LYZWIARSTWO SZYBKIE ( SHORT TRACK ) MISTRZOSTWA EUROPY 2021 ( EUROPEAN CHAMPION
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Erfolgreiche Shorttrackerin: Anna Seidel.

Die 23-Jährige Anna Seidel nahm bereits an zwei Olympischen Spielen teil. Aktuell kämpft sich Seidel nach einem Bruch des Schien- und Wadenbeins zurück auf das Eis. Anlauf für den letzten Auftritt auf der größten Bühne: Peking 2022.

München – Anna Seidel fliegt normalerweise. Über das Eis, mit Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h. Aktuell ist für die Shorttrackerin das Kontrastprogramm angesagt. Seit nun acht Wochen geht es nur langsam voraus, Seidel ist auf Krücken angewiesen. Anfang März zog sich die Athletin einen Bruch des Schien- und Wadenbeins zu. „Die ersten Wochen nach der Verletzung waren echt schwer und frustrierend. Mir wurde schnell langweilig“, erzählt sie.

Verständlich. In der Karriere der 23-Jährigen war bislang keine Zeit für Stillstand. Bereits mit 13 Jahren schaffte es Seidel in den C-Kader, erhält seitdem eine Förderung von der Deutschen Sporthilfe. 2014 nahm sie in Sotschi erstmals an Olympischen Spielen teil und erreichte einen starken sechsten Platz über die 1500 m. Im Alter von 15, als zweitjüngste deutsche Teilnehmerin hinter Skispringerin Gianina Ernst. Zwei Jahre später folgte mit Bronze die erste von bis heute fünf Medaillen bei einer Europameisterschaft. Seidel ist das Gesicht einer Sportart, die in Deutschland kaum Beachtung findet. Bei Heim-Weltcups allerdings merke sie, „wie jeder etwas von mir will. Diesen Druck konnte ich bislang noch nicht zu 100 Prozent ausblenden. Daran arbeit ich mit Mentaltrainern.“

Bereits im Alter von 15 Jahren nahm Seidel an Olympia teil

In Korea ist Shorttrack Volkssport. Zehntausende verfolgen die Wettbewerbe in den Hallen. Die zierliche Dresdnerin hat diese Begeisterung selbst erlebt, 2018, bei ihren zweiten Olympischen Spielen, im südkoreanischen Pyeongchang. Nach zwei Stürzen verpasste Seidel jedoch den Finallauf und merkte, wie schnell die Stimmung umschlagen kann, wenn die Erfolge – vermeintlich – ausbleiben. „Ich habe oft das Gefühl, dass selbst Top-Ten-Plätze in den Medien schon als komplettes Versagen dargestellt werden. Die wenigsten wissen, wie schwer es ist, unter die besten Zehn einer Sportart zu kommen. Wie viele Trainingsstunden und auch Schmerzen hinter einer solchen Platzierung stecken.“ Bei einer Medaille würde man komplett abgefeiert und sei plötzlich der Volksheld: „Läuft es schlechter, wirst du entweder gar nicht beachtet oder es wird sofort alles negativ dargestellt.“

Seidel musste die Schmerzen des Spitzensports schon oft genug am eigenen Leib erfahren. 2017 kämpfte sie sich nach einem komplizierten Wirbelbruch zurück in die Elite, 2020 nach einem knöchernen Bänderabriss im linken Sprunggelenk.

Bereits drei schwere Verletzungen musste Seidel wegstecken

Aktuell verläuft die Reha gut. Neben der Aquagymnastik fängt Seidel mit leichten Übungen für den Oberkörper und ihr (gesundes) linkes Bein an. Beinstrecker, Beinbeuger, Beinpresse. „Ich bin derzeit mit meiner Physis zufrieden. Ich fühle mich endlich wieder stabil“, sagt Seidel. Sie nimmt Anlauf für ihren letzten Auftritt auf der großen Bühne. Nach Peking 2022 wird sich Seidel so langsam vom Leistungssport verabschieden. Mit 23, also einem Alter, in dem die meisten Sportkarrieren gerade erst so richtig beginnen.

Erstmals in Kontakt mit Shorttrack kam Seidel schon mit sechs Jahren. Als sie mit den Eltern den Bruder vom Eishockey abholten, sah sie den Shorttrackern zu und dachte sich: „Oh, die haben alle so kleine, dünne Körper wie ich, vielleicht wäre das auch etwas für mich.“

Jetzt, 17 Jahre später, haben die drei schweren Verletzungen Spuren am Körper hinterlassen. Besonders die letzten zwei Jahre seien extrem hart gewesen. „In der letzten Saison hatte ich durchgängig Rückenschmerzen. Wenn du am Wochenende nichts mit deinen Freunden unternehmen kannst, weil du dich nicht bücken kannst, ist das ziemlich frustrierend.“

Ab Oktober beginnen die Qualifikationen für Peking. Ein letzter Kraftakt für den Körper. Eine Medaille soll her, das ist Seidels großer Wunsch. Danach wird die 111,12 Meter lange ovale Bahn in den Eishallen dieser Welt nicht mehr das Leben der Sportsoldatin bestimmen. Ein Studium der Medien- und Kommunikationswissenschaften kann sich Seidel etwa gut vorstellen. Und natürlich möchte sie viel Zeit mit Freunden verbringen. Ohne Rückenschmerzen.

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