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Influencer verschleiert jahrelang schlimme Krankheit: Im Video-Interview schildert er seine Selbstmordgedanken

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Von: Tanja Kipke

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Der Influencer Fabian Nießl gibt im Live-Interview tiefe Einblicke in seine Vergangenheit und das Tabuthema Depression, das keins mehr sein sollte.

Regensburg - Im Jahr 2017 ging bei Influencer Fabian Nießl gar nichts mehr ging: „Mein Opa hat sich aufgrund von Depressionen das Leben genommen“, erzählt der 30-Jährige im Live-Stream-Interview Merkur.de (siehe Video).

Wer Fabian Nießl sieht und erlebt, kann sich nicht vorstellen, dass er an einer Krankheit leidet: Er ist Bodybuilder, überall tätowiert, Fitnessmodel, Personal Trainer. Und Influencer. Auf Instagram folgen ihm 239.000 Follower. Hier spricht der Regensburger* ein Tabuthema offen an: „Ich litt körperlich unter der Depression.“ Im vergangenen Jahr schrieb er das Buch „Starker Mann, ganz schwach“. Darin beschreibt er seinen Weg aus der Depression.

Als 2017 nichts mehr ging, konnte Fabian Nießl nicht einmal mehr ins Fitnessstudio. Der einzige Ort, an dem die Krankheit bis dahin nicht Teil seines Lebens war. Er entschließt sich, in eine Psychiatrie zu gehen. Wegen seiner Muskeln und Tattoos nimmt ihn der Oberarzt jedoch nicht ernst. „Der Arzt hat süffisant gelächelt und mir zu verstehen gegeben, dass ich doch bitte seine Zeit nicht verschwenden soll.“

Influencer Fabian Nießl im Live-Interview: „Ich hatte Selbstmordgedanken“

Einen Teil des Live-Interviews mit Influencer Fabian Nießl können Sie hier nachlesen:

Fabian, wann hast du das erste Mal gemerkt, dass was nicht stimmt?

Das erste Mal war es tatsächlich im Alter von 18 Jahren, also die Diagnose bekam. Ich habe es aber schon Jahre vorher gemerkt, dass was nicht stimmt. Das war erst wirklich nur phasenweise. Diese Phasen, in denen es mir einfach schlecht ging, wurden dann immer länger. Dann wusste ich einfach: Okay, das ist nicht bloß einfach eine pubertäre Verstimmung. Ich bin auf eigene Faust zum Arzt gegangen und habe relativ schnell im Gespräch die Diagnose Depression bekommen - mit 18 Jahren.

Gab es bei dir einen konkreten Auslöser für die Depression?

Mein Opa hat sich aufgrund von Depressionen das Leben genommen. Für mich gab es aber nie wirklich den konkreten Auslöser. Es war einfach so, dass ich mich sehr unter Druck gesetzt habe, schon mein ganzes Leben lang. Ich wollte immer der Beste sein. In allem, was ich tue, habe ich immer den Anspruch 100 Prozent abzuliefern. Das war einfach teilweise zu viel für mich.

Fabian Nießl: „Ich konnte teilweise tagelang nicht mehr aus dem Bett“

Anfangs hast du dich noch vor einem Klinikaufenthalt gesträubt. Was hat deine Meinung geändert?

2017 war es dann so, dass ich wirklich teilweise tagelang gar nicht mehr aus dem Bett kam. Die Depression wurde so schlimm, dass ich auch körperlich darunter litt. Als dann wirklich mal 14 Tage, 16 Stunden am Tag im Bett liegen, einfach gar nichts mehr ging, bin ich zu meinem Hausarzt gegangen. Der Arzt kennt mich schon mein ganzes Leben und kennt auch die Vorgeschichte mit meinem Opa. Er hat mich dann gefragt, ob ich mir schon mal Gedanken gemacht habe, so auch mein Leben zu beenden. Daraufhin musste ich ihm dann leider sagen, dass ich diese Gedanken auch schon oft hatte. Er hat mir geraten, in eine Klinik zu gehen. Ich bin am selben Tag noch nach Regensburg in eine Psychiatrie.

Fitnessmodel, Bodybuilder und Influencer Fabian Nießl spricht im Live-Interview über seine Depressionen.
Fitnessmodel, Bodybuilder und Influencer Fabian Nießl spricht im Live-Interview über seine Depressionen. © Fabian Nießl

„Ich wollte nicht, dass die Menschen sehen, wie schwach der Kerl im Inneren eigentlich ist.“

Fabian Nießl

Wie lief der erste Tag in der Klinik ab?

Nach dem Gespräch mit dem Hausarzt bin ich nach Hause gefahren und hab meine Sachen gepackt. Ich bin zusammen mit meiner Mama nach Regensburg gefahren, um eben zu fragen, ob ein Platz in der Klinik verfügbar ist. Wir wurden ins Büro des Oberarztes gebeten. Als ich ihm mein Anliegen vorgebracht hab, hat der nur süffisant gelächelt und mir zu verstehen gegeben, dass ich doch bitte seine Zeit nicht verschwenden soll. Der hat mich wegen meiner Muskeln und den Tattoos einfach nicht für voll genommen. Ich habe meine Mama noch nie in meinem Leben so wütend gesehen. Wenn du so einen Schritt gehst und diesen Mut aufbringst und dann plötzlich jemand dir dann so ein Brett vor den Kopf knallt, das war einfach viel für mich. Der Arzt hat dann den Ernst der Lage verstanden und dann gnädigerweise in der Station angerufen und gefragt, ob noch was frei wäre. Das war ein sehr schlechter Start für mich in die vier Wochen, weil ja ich eh schon verunsichert war.

Ist dir das öfter passiert, dass man dich wegen deines Aussehens nicht ernst genommen oder unterschätzt hat?

Ja, das kam sehr oft vor. Ich bin aber auch maßgeblich selbst dran Schuld, denn dieses exzessive Krafttraining sowie die Tattoos sind schon für mich eine Art Schutz gewesen. Jetzt mittlerweile ist es einfach mein Lifestyle, ich finde das einfach schön. Der Sport war damals schon eher so Mittel zum Zweck, um einfach zu verschleiern, wie es mir wirklich geht. Ich wollte nicht, dass die Menschen sehen, wie schwach der Kerl im Inneren eigentlich ist. Also musste ich nach außen ein starker Mann. Ich hab alles dafür getan, um eben dieses Bild zu vermitteln, dass es mir gut geht.

„Starker Mann, ganz schwach“: Fabian Nießl will Menschen durch sein Buch helfen

Fabian, du hast ein Buch über deine Krankheit geschrieben. Es trägt den Titel „Starker Mann, ganz schwach“. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Ich saß in der Klinik auf meinem Bett, es war so ein schöner sonniger Tag, das war wie eine Eingebung: Eines Tages, wenn ich die Kraft dazu habe, möchte ich ein Buch schreiben. Zum einen, weil ich das dadurch noch einmal verarbeiten kann und zum anderen, um Menschen, die von der Krankheit betroffen sind, Mut zu machen und zu helfen. Natürlich auch um Angehörige Einblicke zu gewähren in das Leben eines psychisch Kranken. Wenn man selber keine Berührungspunkte hat, wie soll man wissen, warum die Person so und so handelt. Ich weiß, dass ich manchmal zu meinen Mitmenschen schon echt blöd war, aber nicht, weil ich sie verletzen wollte, sondern einfach, weil ich persönlich einfach nicht mehr geben konnte. Es ging mir zu schlecht.

In der Öffentlichkeit ist es ein sehr sensibles Thema. Warum glaubst du, ist die Krankheit Depression immer noch so ein Tabu?

Wir leben in einer krassen Leistungsgesellschaft. Es ist einfach so, du musst ständig Gas geben, du musst noch mehr arbeiten, noch mehr leisten. Es ist fast kein Platz mehr für Schwäche, weil man einfach mit einem Finger-Schnipsen ersetzt wird. Natürlich will man sich dann teilweise auch gar eingestehen, dass man auch mal schwach ist oder dass man irgendwo Probleme hat. Es wird einfach nach wie vor verpönt von den Leuten, weil die wenigsten Menschen genau wissen, was dahinter steckt. Man redet über dieses ganze Thema so salopp, also von wegen Psycho oder Klapse, was unglaublich verletzend ist für die Menschen, die selber davon betroffen sind. Deswegen habe ich auch das Buch geschrieben, um mehr Aufklärung zu schaffen.

Rund 240.000 Menschen folgen Fabians Instagram-Profil. Wie seine Follower auf die Offenheit von Fabian reagierten und wie sein Alltag als Influencer aussieht, erfahrt ihr im Video. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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