Abzocke in der Bio-Landwirtschaft?

Expertin: „Das Bio-Siegel ist Verarsche“ - wie Schweine und Hühner wirklich gehalten werden

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Statt 25 Hühnern dürfen in Bio-Betrieben „nur“ 10 Hühner pro Quadratmeter leben. Es ist zu eng.

Glückliche Tiere und „Bio“-Siegel haben fast nichts miteinander zu tun. Woran liegt das und auf welche Siegel können Verbraucher sich noch verlassen?

München - Wo „bio“ auf der Fleischpackung steht, da vermutet man: ein Tier, das glücklich gelebt hat, das genug Auslauf hatte und gesund war, gutes Futter bekam, das schonend getötet wurde. Zumindest viele denken das, wenn sie nach einem Produkt greifen, das mit einem Biosiegel gekennzeichnet ist. Doch: Meistens ist fast nichts davon der Fall. Im Gegenteil. Die Bio-Branche droht zu kollabieren. Und zwar ganz im Sinne der konventionellen Landwirtschaft.

Die Flut an Bio-Siegeln verwirrt viele Verbraucher, und das zurecht. Bio ist nicht gleich bio. „Wenn wir 28 000 Biobetriebe in Deutschland haben, dann haben wir im Grunde 28.000 Experimentierstationen“, sagt Dr. Heinrich Graf von Bassewitz, Bio-Rinderzüchter und Ökobeauftragter des deutschen Bauernverbands, in einer Dokumentation der ARD. „Denn jeder fummelt es sich so zurecht, wie er meint, dass es richtig ist.“

EU-Bio-Siegel: Wie Schweine und Hühner trotzdem gehalten werden

Wer sich allerdings auf das EU-Siegel verlässt, ist falsch beraten. In der Fernsehreportage „Ethik oder Etikettenschwindel“ hat die ARD untersucht, was es Bio-Betrieben vorschreibt. Der TV-Beitrag beleuchtet auch den aktuellen Zustand der Biolandwirtschaft. Das Ergebnis ist mehr als ernüchternd.

Ein Blick auf die gesetzlichen Vorgaben ist ernüchternd: Jedem Bio-Schwein stehen nur 0,3 Quadratmeter mehr Platz im Stall zur Verfügung, mit Auslauf müssen ihm mindestens zwei Quadratmeter zustehen. Somit dürfen sich auch in Bio-Betrieben 10 Schweine 23 Quadratmeter teilen. Für ausgewachsene Schweine ist das nicht viel.

Beispiel Hühner: Pro Quadratmeter dürfen „nur“ zehn Tiere leben (statt 25). Doch die Tierschutz-Organisation Ariwa hat aufgedeckt, wie es in Bio-Hühnerställen wirklich aussieht: Die Aufnahmen gleichen denen aus Massentierhaltungen. Zertrampelte und krankes Geflügel. Da die Flächen addiert werden dürfen, entstehen auch in der Bio-Branche zum Teil riesige Hallen, so groß und im Endeffekt so vollgestopft mit Tieren, dass der Weg ins - vorgeschriebene! - Freigehege für die meisten Hühner viel zu weit ist.

Statt die Bedingungen in der Landwirtschaft und für den Verbraucher zu verbessern, schaffen die staatlichen Bio-Siegel also Trittbrettfahrern die Möglichkeit, den Bio-Trend auszunutzen, oder wie Tierschützerin Maria Martens von Soko Tierschutz es gegenüber der ARD ausdrückt: „Das ist Verarsche.“

ARD-Doku deckt auf: „Bio-Kompromiss“ sichert keine artgerechte Tierhaltung

Die Liste lässt sich lang fortsetzen. Praktisch garantieren die staatlichen Bio-Siegel keine Verbesserungen in jedem Punkt, der an der Massentierhaltung, kritisiert wird, von vergasten Küken, über überzüchtete Rassen, bis hin zu acht Stunden langen Schlachttransporten.

“Glückliche“ Schweine brauchen viel Auslauf - dann sind sie auch sauber.

Bio-Tiere haben etwas mehr Platz, gesünder sind sie nicht. „Bio heißt zwar nicht, dass artgerechte Tierhaltung zu hundert Prozent gewährleistet wird“, sagt der Tierschutzbeauftragte des Saarlands, Dr. Hans-Friedrich Willimzik. Doch die Massentierhaltung habe längst so extreme Standards, dass diese minimalen Verbesserungen nicht genug seien.

„Bio“-Siegel: Es gibt viele Alternativen für die Verbraucher

Doch spätestens seit die großen Lebensmittelketten ins Geschäft eingestiegen sind, dreht sich die Spirale unaufhörlich weiter: Denn die Discounter wollen Bio zu geringem Preisen und Großkonzerne wittern im Bio-Trend das große Geschäft. So jedenfalls setzen sich die Regeln der Gewinnmaximierung und der konventionellen Landwirtschaft in der Bio-Branche wieder durch.

Gibt es keinen Ausweg? Doch. Einige private Bio-Siegel, die sehr strenge Maßstäbe ansetzen, sind Demeter, Naturland und Bioland. Doch der Wald der Bio-Siegel würde ein ganzes Dossier füllen. Bei der Orientierung, welche Vorgaben welches Siegel an die Erzeuger stellt, helfen den Verbrauchern Stiftung Warentest, Verbraucherzentrale, WWF und Greenpeace, sowie die Website siegelklarheit.de.

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