Energie

Öl, Strom und Gas immer teurer - Chemie-Verband warnt: „Das ist ein Riesenproblem“

BASF-Werk in Ludwigshafen: Die hohen Energiepreise machen der erfolgsverwöhnten Branche immer mehr zu schaffen.
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BASF-Werk in Ludwigshafen: Die hohen Energiepreise machen der erfolgsverwöhnten Branche immer mehr zu schaffen.

Der Chemie-Verband VCI sieht die Entwicklung der Energie-Preise mit wachsender Sorge. Erste Betriebe müssten ihre Produktion bereits drosseln, warnt VCI-Hauptgeschäftsführer Entrup. 

München – Die hohen Preise für Strom und Gas belasten nicht nur die Verbraucher, sondern auch die Industrie. Vor allem die energieintensive Chemie bekommt die Folgen zu spüren, erklärt der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Wolfgang Große Entrup gegenüber Merkur.de*.

Herr Große Entrup, die Energiekosten sind in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen. Chemie-Unternehmen gehören traditionell zu den größten Energieverbrauchern. Wie ernst ist die Lage?
Der Preisschock bei Strom und Gas ist ein Riesenproblem für unsere Branche. Energie spielt für viele Verfahren eine große Rolle. Wir stellen schon erste Produktionsrückgänge bei Prozessen fest, die stark von Erdgas abhängig sind. Das betrifft zum Beispiel die Produktion von Ammoniak und trifft damit leider auch unsere Kunden. Zum Beispiel beim Zusatzmittel AdBlue für Dieselautos oder Düngemittel für die Landwirtschaft. Die Kostenbelastung der Unternehmen erreichte im Laufe des Jahres 2021 Rekordhöhen. Die Situation ist derzeit extrem problematisch.
Was heißt das für die Betriebe? 
Wir vertreten fast 2000 Unternehmen. In einer aktuellen Umfrage meldeten uns knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen, dass die Energiepreise ihre Betriebsabläufe massiv behindern. Zumindest in der Basischemie konnten wegen der guten Nachfrage Kostensteigerungen weitgehend an die Kunden weitergereicht werden. Aber insgesamt scheiterte jedes sechste Unternehmen mit dem Anliegen, höhere Kosten zumindest teilweise weiterzugeben.
Zuletzt sind hierzulande auch noch die Strompreise kräftig gestiegen. Dabei ist Industriestrom in Deutschland ohnehin bereits so teuer wie in kaum einem anderen europäischen Land. Nun plant der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck auch noch die klimapolitische Wende. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie-Unternehmen?
Zuerst einmal: Klimaschutz ist für die Branche ein wichtiges Anliegen. Dass die Bundesregierung mit dem Sofortprogramm jetzt die gewaltigen Bremsklötze beim Klimaschutz entfernen will, begrüßen wir sehr. Damit Unternehmen in großem Stil Geld für Klimaschutz-Investitionen in die Hand nehmen, brauchen wir schnell Höchstgeschwindigkeit, sowohl beim Ausbau der Erneuerbaren als auch bei den Investitionsbedingungen für die Industrie. Und da sind wir beim Thema Wettbewerb. Weiter steigende Strompreise bedrohen nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit der bestehenden Produktion, sie sind auch sehr schädlich für die erforderliche Transformation zu mehr Klimaschutz.
Unser Strombedarf wird massiv steigen, da in vielen Fällen Klimaschutz-Technologien auf Strom basieren. Die neuen Verfahren erfordern allein für unsere Branche in den nächsten Jahren in etwa die gesamte aktuelle deutsche Stromproduktion. Das zeigt, wie gewaltig die Herausforderung ist, die vor uns liegt. Denn dieser Strom muss nicht nur grün sein, sondern auch rund um die Uhr verfügbar und das auch noch zu einem international wettbewerbsfähigen Preis. Denn wir sind und bleiben eine Exportindustrie.

VCI-Hauptgeschäftsführer Große Entrup: Wettbewerbsfähiger Strompreis „Gebot der Stunde“

Wolfgang Große Entrup: Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie fordert einen deutlich günstigeren Strom-Tarif für Industrie-Kunden.
Um das Schlimmste zu verhindern, hat der Chef von Wacker Chemie, Christian Hartel, gerade die Einführung eines Strompreis-Deckels gefordert. Danach soll es künftig einen staatlich garantierten Preis für Industriestrom geben, der an einen europäischen Strompreis-Korb gebunden ist. Für alle Belastungen oberhalb der Preisgrenze soll dann der Staat einspringen. Was halten Sie davon?
Um perspektivisch wettbewerbsfähig zu bleiben und auch die Transformation stemmen zu können, ist ein international wettbewerbsfähiger Industriestrompreis das Gebot der Stunde. Niedrige Strompreise sind der beste Klimaschutz. Das sollte die neue Bundesregierung beherzigen und das Thema ganz oben auf Ihre Agenda schreiben.
Wo könnte eine entsprechende Messlatte liegen?
Das haben wir berechnet und mit unserer Studie „Roadmap 2050“ fundiert belegt: Die Messlatte liegt bei 4 Cent pro Kilowattstunde. Davon sind wir heute noch meilenweit entfernt.
Europaweit liegt der Großabnehmer-Preis für die Kilowattstunde im Schnitt bei 12,83 Cent je Kilowattstunde. Könnten die deutschen Unternehmen auch damit leben?
Das hängt von der Stromintensität der Unternehmen und dem Wettbewerb ab, in dem sie stehen. Für die besonders stromintensiven Unternehmen aus unserer Branche ist dieser Preis deutlich zu hoch. Aber wir wollen ja weg von Öl und Gas und hin zu Strom. Somit wird dieser Preis für immer mehr Unternehmen zur extremen Last und behindert damit den Klimaschutz.   
Um die Stromkosten zu senken, böte sich auch die EEG-Umlage an. Laut Koalitionsvertrag soll sie zum 1. Januar 2023 wegfallen. Reicht das oder muss der Bund hier noch früher ran?
Je früher, desto besser. In der Tat ist die EEG-Umlage immer noch der größte staatlich bedingte Aufschlag auf den Strompreis. Deshalb fordern wir seit Jahren, die EEG-Umlage abzuschaffen und die Förderung der erneuerbaren Energien aus dem Haushalt zu finanzieren. Nochmals: Jeder Tag früher hilft dem Klima und entlastet den gebeutelten Mittelstand. 
Trotz der jüngsten Konjunktur-Abkühlung wegen der Corona-Pandemie hat der VCI für 2021 ein neues Rekordjahr in Aussicht gestellt. Danach haben Sie für 2021 ein Umsatzplus von 15,5 Prozent auf insgesamt 220 Milliarden Euro prognostiziert. Hat das geklappt?
Es sieht so aus. Zwar liegen die offiziellen Zahlen für das Gesamtjahr der Branche noch nicht vor. Aber vieles spricht derzeit dafür, dass unsere Prognose Bestand hat.
Was erwarten Sie für 2022 beim Umsatz? Einen weiteren Zuwachs? Und falls Ja: In welcher Größenordnung?
Trotz der Belastungsfaktoren bei den Energiepreisen und den Lieferengpässen rechnen wir für 2022 mehrheitlich mit einem weiteren Anstieg der Umsätze im In- und Ausland. Unsere Prognose für das laufende Jahr: Der Umsatz sollte um fünf Prozent auf 231 Milliarden Euro wachsen.

*Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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